„Nein, diese Hose will ich nicht!“ Wenn Kinder nicht wollen, trotzen und Widerstand leisten

„Nein, diese Hose will ich nicht!“

Wütender Junge
Umgang mit Kinderrn, die Nein sagen

„Nein, ich will jetzt nicht den Tisch decken!“

Widerstände bei Kindern auffangen und in Mitarbeit und Kooperation verwandeln

Kleine und auch grössere Kinder haben immer wieder Momente, in denen sie sich nichts, aber auch gar nichts von uns Eltern sagen lassen wollen. Sei es, dass wir die blaue Hose vorschlagen, weil diese noch sauber und ohne Löcher ist, sei es, dass wir verlangen, dass der Tisch gedeckt wird, oder sei es, dass wir der Meinung sind, dass gerade nach der Schule der beste Zeitpunkt für die Hausaufgaben ist. Auf nichts, was wir Eltern vom Kind wollen, lässt sich dieses ein. Auf alles, was wir sagen reagiert das Kind mit Unlust, Widerstand und vielleicht sogar mit Widerworten. „Nein, das mach ich nicht! Nein, das will ich nicht! NEIN, NEIN, NEIN!!!“

Schnell entwickelt sich aus diesen Widerständen ein Machtkampf. Wir Eltern wissen das eigentlich, doch was genau können wir tun, damit die Situation möglichst ohne Machtkampf inklusive Drohen, Schimpfen und bösen Worten gelöst werden kann und die Kinder in etwa das tun, was wir gerne möchten?

Immer wieder empfehle ich Eltern, dass sie sich der beiden Ebenen „Haltung“ und „Handlung“ bewusst werden. „Haltung“: Was denken Sie von Ihrem Kind? Dass es Sie ärgern will, oder, dass es gerade in einem spannenden Spiel ist? Beim ersten Gedanken habe ich Verständnis für das Kind und keinen Ärger auf es. Ich habe dadurch als Mutter auch die Ruhe und die Kraft, zu meinem Kind hinzugehen, „in seine Hülle“ einzutreten und Kontakt herzustellen. Hingehen und Kontakt herstellen ist die „Handlung“, also meine Reaktion auf die Situation. Oftmals hilft der Kontakt schon, dass mein Kind mir zuhört. Und Zuhören ist die Voraussetzung für das Mitmachen.

Nicht immer aber genügt die „Handlung“ Hingehen und Kontakt herstellen. Was also tun, wenn das Kind immer noch „Nein“ sagt?

Wieder überdenke ich meine „Haltung“: Bin ich ärgerlich auf mein Kind? Bin ich schon wütend und nahe dran, meine Stimme zu erheben? Der Gedanke, dass mein Kind im Moment andere Bedürfnisse hat als ich, hilft mir, gelassen zu bleiben. Dadurch habe ich Luft für eine weitere „Handlung“: Ich biete meinem Kind eine begrenzte Wahl an.

Die begrenzte Wahl heisst im Fall der blauen Hose: „Möchtest Du die blaue oder die grüne Hose anziehen?“ Beim Thema Tisch decken könnte die begrenzte Wahl so lauten: „Willst Du jetzt den Tisch decken oder nachher abräumen?“. In beiden Fällen habe ich als Erziehende die „Haltung“: Eines von Beiden wird gemacht, das Kind allerdings darf wählen. Und diese Wahl respektiere ich auch.

Vater und Sohn im Gespräch
Wie Kinder zur Mitarbeit zu bewegen sind

Die begrenzte Wahl funktioniert nur, wenn ich dem Kind eine echte Wahl anbiete. Die Variante: „Du kannst wählen zwischen helfen oder Bestrafung.“ funktioniert nicht. Die begrenzte Wahl hat auch nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn meine Körperhaltung, meine Stimme und meine Mimik wohlwollend und respektvoll sind.

Und oftmals hilft „Warten“. Nach dem Angebot der begrenzten Wahl braucht das Kind Bedenkzeit. Diese muss ich aushalten, und das ist nicht einfach. Neben dem Kind sitzen oder stehen, still sein und einfach auf die Antwort warten fällt den meisten Eltern schwer. Die gute Nachricht: Wir können es üben und es hilft wirklich! Probieren Sie es aus.

Das Warten hilft auch, wenn das Kind auf das Angebot der begrenzten Wahl nicht eingeht und alles abschmettert: „Ich will gar nichts von dem tun / haben / anziehen!!“ Ruhig das Angebot wiederholen und warten. Das wirkt Wunder! Durch das ruhige Warten kommt das Kind in Zugzwang. Irgendwann wird es uns anschauen. Und kooperieren.

Suchen Sie nach Wahlmöglichkeiten, die Sie Ihrem Kind anbieten können. Sie werden merken, dass sich der Familienalltag merklich entspannt und dass sich immer weniger Widerstände zu Machtkämpfen ausweiten. Dafür lernt Ihr Kind, dass es ernst genommen wird und dass es Entscheidungen treffen darf. Das stärkt seinen Selbstwert und sein Selbstvertrauen. Und mit einem starken Selbstvertrauen muss es auch weniger kämpfen und weniger Widerstand leisten.

 Das Konzept der begrenzten Wahl ist dem STEP Elterntraining entnommen

Regula Ferro, Familiencoach und Lernberaterin, STEP Elterntrainierin, Seminarleiterin